Obwohl das Eichhörnchen zu den bekanntesten und beliebtesten Tieren unserer heimischen Fauna gehört, gibt es immer wieder kritische Stimmen, die den possierlichen Nager als Vogelmörder sehen. Was ist dran an dieser Behauptung? Stellen sie gar eine Gefahr für den Singvogelbestand dar?
Nun, uns liegen weder Zahlen noch Bilder vor, die beweisen könnten, dass Eichhörnchen tatsächlich die Nester von Singvögeln „plündern“. Vielmehr sind wir der Meinung, das Tiere, die mit einem vermeintlichem Singvogel-Jungtier im Maul beobachtet werden, tatsächlich ihr eigenes Junges in einen anderen Kobel umsiedeln. Denn wenige Tage alte Eichhörnchen (siehe hierzu „Galerie“) kann man auf eine gewisse Entfernung leicht mit einem Singvogel-Nestling verwechseln.
Sollten Eichhörnchen jedoch tatsächlich hin und wieder Singvögel-Jungtiere fressen (und hier sind wir für Fakten dankbar), sind die Auswirkungen für die heimische Vogelwelt mehr als überschaubar, denn ganz oben auf dem Speiseplan steht nachweislich vor allem vegetarische Kost in Form von z.B. Tannen-, Kiefern- und Fichtensamen, Knospen und jungen Trieben. Zur absoluten Leibspeise zählen des Weiteren Nüsse (Haselnüsse, Walnüsse), Roß- und Edelkastanien, Gallen, Hainbuchsamen, Beeren, Körner, Pilze und Obst, aber auch Insekten, Larven und Schnecken.
Wie schnell ein Tier zum „Bösewicht“ deklariert werden kann, wird deutlich am Beispiel der Rabenvögel, die unter Singvögelliebhabern zu den Nesträubern Nr.1 zählen. Hier haben Studien ergeben, dass z.B. bei Elstern der Anteil an verzehrten Vögeln und Eiern weniger als 5-10% ausmacht (siehe Landesforsten Rheinland Pfalz).
Damit ist der Vorwurf des vermeintlichen Vogelmörders im großen Stil nicht haltbar, denn wie bei den Eichhörnchen haben auch die Elstern und ihre Verwandten ein breites Nahrungsspektrum, bei dem tierische Nahrung in Form von anderen Vögeln bzw. deren Jungtieren nur einen Teil ausmacht.
Leider sind uns derzeit keine Studien über Eichhörnchen bekannt, die genaue Zahlen liefern können. De facto ist es aber so, dass Jungvögel, wenn überhaupt, nur eine geringe Rolle auf dem Speiseplan der Eichhörnchen spielen und so von einer Bestandsgefährdung in keinster Weise Rede sein kann. Auch kann bislang keine unserer Auffangstationen auch nur ansatzweise einen Rückgang der Singvögel in der näheren Umgebung verzeichnen.
Überdenken sollte man in diesem Zusammenhang die eher unangemessene Begrifflichkeit, die hier häufig Verwendung findet, denn es erscheint doch mehr als paradox bei einem natürlichen und gleichzeitig überlebenswichtigen Prozess von Mord zu sprechen.
Wir als Verein Eichhörnchen Notruf e.V. engagieren uns mit Leib und Seele für den Schutz dieser Tiere, hadern aber deswegen nicht mit ihrem Hauptfeind, dem Marder. Denn es liegt nun einmal in der Natur der Sache, dass Tiere anderen Tieren als Nahrungsgrundlage dienen.
So existieren Jäger und Beute seit Jahrtausenden in Koexistenz und haben im Laufe der Evolution ganz arttypische Strategien entwickelt.
Anders verhält sich dies bei faunenfremden Feinden, die teilweise erhebliche Schäden anrichten, gar Arten ausrotten können bzw. ausgerottet haben (z.B. Einschleppung von Haustieren auf Inselstaaten). Hier können die potentiellen Beutetiere oft nicht schnell genug und angemessen auf die neuen Beutegreifer reagieren und sind diesen daher häufig chancenlos ausgeliefert.
Aber auch der Einfluss des Menschen sollte nicht in den Hintergrund geraten, so verlieren z.B. in Italien jährlich tausende von Singvögeln, teilweise nur zum Spaß, ihr Leben, und zwar durch den Menschen.
So sollten wir unsere Natur als etwas Ganzheitliches ansehen, das es gilt mit all ihren Facetten und Bewohnern, ob Räuber oder Beute, zu schützen. Denn vergessen sollte man nie, dass der, der den schlimmsten und vor allem den unnatürlichsten Schaden anrichtet, der Mensch ist.
Eichhörnchen Notruf e.V.