Wenn man sich, wie wir, der Aufzucht und Wiederauswil-derung von Wildtieren widmet, muss man sich zwangsläufig auch der kritischen Frage mancher Menschen stellen, ob man mit dieser Arbeit nicht zu sehr in die Natur eingreift.

Dabei ist das Hauptargument jener Kritiker, dass man strenggenommen Tiere aufzieht, die von der Natur aus irgendeinem, aber dennoch triftigen Grund ausselektiert wurden. Folgend ergibt sich das Argument, dass auf diese Weise die Populationsdichte künstlich erhöht werden würde, was sich wiederum negativ auf die jeweilige Population auswirken könnte. Dass hier Tiere in die Natur zurückgeführt werden, die eventuell gesundheitliche oder genetische Defekte aufweisen, weshalb sie von der Mutter verstoßen wurden, kommt erschwerend hinzu.

 

Um die Zusammenhänge dieser vermeintlichen Problematik näher durchleuchten zu können, muss jedoch zunächst grob die Begrifflichkeit der Selektion bzw. natürlichen Auslese erläutert werden.

 

Der Vorgang der natürlichen Selektion, einst von Darwin geprägt und Teil seiner Evolutionstheorien, beinhaltet im weitesten Sinne, dass die Erbanlagen bestimmter Individuen nicht mit der gleichen Wahrscheinlichkeit weiter-gegeben werden, sich manche Tiere also erfolgreicher fortpflanzen als andere. Einfluss nehmen diesbezüglich Umwelt- oder sog. Selektionsfaktoren wie z.B. Fressfeinde, Konkurrenz um Nahrung, Reviere etc., denen die Tiere einer Population permanent ausgesetzt sind.

 

Diese bessere Überlebensfähigkeit mancher Tiere ist dabei allerdings nicht gleichbedeutend mit dem Überleben der Stärksten, sondern mit dem Überleben jener, die am besten an bestehende Umweltfaktoren angepasst sind.

 

Dabei ist grob gesagt die Produktion von Nachkommen, und wiederum deren Reproduktion, die eigentliche Meßlatte der Selektion, denn hierbei werden die eigenen Gene an die jeweiligen Folgegenerationen weitergegeben. Auf diese Weise werden so z.B. auch Verhaltensweisen herausselek-tiert, die ein Tier in die Lage versetzen, sich gegen Kon- kurrenten durchzusetzen, das Habitat bestmöglich zu nutzen und sich schließlich erfolgreich fortzupflanzen.

 

Was bedeutet dies nun für unsere Arbeit?

 

Mit der groben Definition der natürlichen Auslese könnte man nun sagen, dass eine Mutter, die von einem Raubtier getötet wurde, zu unvorsichtig war und diese Unvorsichtigkeit an ihre Nachkommen weitergeben würde, dass eine Mutter deren Nest vom Sturm zerstört wurde, nicht geschickt genug im Nestbau oder der Wahl des Standortes war und dies an ihre Kinder weitergeben würde. Dass eine Mutter, die ihren Nachwuchs nicht optimal versorgen kann, weil ihr Revier schlechter ist als das anderer Tiere, nicht konkurrenzfähig genug ist, somit in ein schlechteres Revier abgedrängt wurde und dies nun an ihre Nachkommen weitergibt.

 

Dass eine Mutter instinktiv ein krankes, gebrechliches oder verletztes Tier nicht weiterversorgt, unterliegt dabei ebenso der natürlichen Auslese, wie die zuvor erwähnten Beispiele.

 

In vielen der oben genannten Exemple müssen die Jungtiere die Konsequenzen des Verhaltens ihrer Mütter tragen, denn sie bezahlen dieses in der Regel mit dem Leben - hier greift nun also die natürliche Auslese ein, denn dieses nicht optimale Verhalten wird somit nicht weitervererbt bzw. werden kostbare Energien nicht in die Aufzucht kranker Tiere investiert. Im Gegenzug überleben die gesunden Jungtiere jener Mütter, die vorsichtiger, geschickter, konkurrenzfähiger, im Gesamten besser angepasst sind.

 

Somit ist es streng betrachtet richtig, dass man in die natür- liche Auslese eingreift, wenn man diese Jungtiere vor dem sicheren Tod bewahrt, aufzieht und wieder auswildert, also wieder in die Natur zurückführt, die sie eigentlich ausselek- tiert hat.

 

Doch ganz so einfach, wie es scheint, ist es nicht, denn der weitaus größte Teil unserer betreuten Jungtiere gerät einzig und allein durch den Menschen in Not. Hier muss man sich nun die Frage stellen, inwiefern der Mensch, der permanent neue Regeln schafft, mit zunehmender Technisierung die Bedingungen für unsere heimische Tierwelt immer mehr erschwert, in die natürliche Selektion einbezogen werden kann.

 

Kein Tier ist in der Lage, sich adäquat dem stetig und rasant zunehmenden und vielmals negativen Einfluss des Menschen entsprechend schnell anzupassen bzw. auf ihn mit neuen Strategien zu reagieren.

 

Was der Mensch mit seinem Tun und Handeln schafft, ist eine mehr als unvorhersehbare Umwelt. Eine Umwelt, die zudem immer weniger dem natürlichen Lebensraum mit seinen natürlichen Gesetzen entspricht. Dies führt u.a. dazu, dass sich immer mehr Tiere den Lebensraum mit den Menschen teilen müssen und dann leider von Autos über- fahren werden, für die Jungenaufzucht genutzte Bäume plötzlich nicht  mehr ins Stadtbild passen und gefällt werden, Regentonnen im Garten zur tödlichen Falle werden, Muttertiere an Rattengift und Düngerkugeln verenden oder komplette Kobel mit Jungtieren von Hausbesitzern aus den Dachgiebeln entfernt werden.

 

Unterliegen diese Tiere nun der natürlichen Selektion?

 

Wir meinen „Nein“ und sind klar der Meinung, dass es unser aller Pflicht ist, die Folgen der menschlichen Zivilisation soweit es eben geht aufzufangen und wieder gut zu machen, in dem man deren Opfer zu einer zweiten Chance verhilft und im besten Fall in eine Umwelt zurückführt, in der der Mensch vielleicht noch nicht so präsent ist.

 

Sicher können wir bei unserer Arbeit nicht ausschließen, dass  wir auch Tieren auf die Sprünge helfen, die auf natür-lichem Wege, also unabhängig vom menschlichen Einfluss, nicht überlebt hätten. Doch statistisch gesehen „beheben“ wir eben in den meisten Fällen die gemachten Fehler des Menschen und dies ist letztlich die Grundlage für die Notwendigkeit unserer Arbeit.

 

In diesem Zusammenhang verweisen wir auch auf unseren Artikel „Warum setzen wir uns für Eichhörnchen ein?“, der weiteren Aufschluss über die Beweggründe unsere Arbeit gibt.

 

Was die Problematik der vermeint- lichen Erhöhung der Populations- dichte angeht, sei zu sagen, dass wir sehr darauf bedacht sind, dass Eichhörnchen-Findelkinder dort ausgewildert werden, wo die Bedingungen nicht nur möglichst optimal sind, sondern auch langfristig genug Platz und Raum existiert, damit die Tiere z.B. bei zu hoher Dichte ggf. abwandern können.

 

Dies bedeutet auch, dass Findelkinder aus stark frequen-tierten Gebieten in Lebensräume umgesiedelt werden, die weniger hohe Populationsdichten aufweisen, was wiederum zu einer „Auffrischung“ des Genpools beiträgt.