Das Europäische Eichhörnchen gilt unter Singvogellieb-habern als Nesträuber (siehe hierzu Artikel „Gefährden Eichhörnchen den Singvogelbestand“), unter Förstern und Jägern als Baumschädling und unter den Generationen der Kriegs- und Nachkriegszeit als „Ratten der Bäume“.

Kurzum, es gibt einige Menschen, die das Eichhörnchen als Schädling sehen.

 

Aus forstwirtschaftlicher Sicht wird dies darin begründet, dass  zum Nahrungsspektrum der Eichhörnchen jahreszei-tabhängig auch Knospen und junge Triebe gehören und Bäume somit vermeintlichen Schädigungen ausgesetzt sind.

 

Die ausgeprägte Antipathie einiger - vornehmlich älterer - Jäger dem Eichhörnchen gegenüber gipfelt darin, dass es noch heute vorkommt, dass in Eichhörnchennester ge- schossen wird, sollte eines entdeckt werden.

 

Eichhörnchen gelten zwar laut Bundesartenschutzverordnung zu den besonders geschützten Tieren, aber hier gilt, wie so oft: Wo kein Kläger, da kein Richter. Und so wie der Fuchs in der Jägerschaft als „Raubzeug“ verteufelt wird, da er keinen erkennbaren Nutzen oder Sinn erfüllt, wird auch das Eichhörnchen noch immer als überflüssiges Übel ange- sehen.

 

Aber wie stark ist der negative Einfluss der Eichhörnchen tatsächlich oder wird hier vielmehr ein Vorurteil über Jahre gepflegt, was mittlerweile als haltlos angesehen werden muss. Vorurteile, die nicht selten dort entstehen, wo Tiere und Menschen ein stückweit zu Konkurrenten werden. Ging es bei der Vertreibung und Ausrottung des Wolfes vor- nehmlich um die Konkurrenz von Nahrung, so geht es beim Eichhörnchen offensichtlich um den Wirtschaftsfaktor Wald.

Der Mensch scheint nicht gern zu teilen, was sich weltweit in der Ausbeutung der Natur und der Ausrottung der Arten widerspiegelt.

 

Doch nur da, wo Tiere durch verschiedene Faktoren über- hand nehmen, können ernsthafte Schäden entstehen. Aber auch dafür trägt der Mensch nur allzu oft die Verantwortung, z.B. durch Einschleppung faunenfremder Arten oder Ausrottung der natürlichen Feinde.

 

Sinnvoll erscheint die Überlegung, dass das Eichhörnchen diesen, seinen Lebensraum schon sehr viel länger nutzt, ohne dass der Mensch seine vermeintlich schützende Hand über ihn gehalten hätte.

 

Nach unseren Erkenntnissen wurde bislang kein Wald vom Wildtier Eichhörnchen ernsthaft geschädigt, denn im Gegensatz zum Menschen vernichten Tiere in einem intakten Ökosystem nicht ihre Lebensgrundlage. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Denn zu der Lebensweise unserer einheimischen Hörnchen und seinen Verwandten gehört das Anlegen von Nahrungsvorräten in bis zu 10.000 Einzelverstecken, verteilt über ein Revier von bis zu 50 ha.

 

Laut dem Verhaltensforscher Michael Steele von der Wilkes-Universität in Philadelphia wird von diesen Verstecken aber nur etwa ein Drittel wiedergefunden, eigene wie fremde. Diese Vergesslichkeit hat zwar keine negativen Auswirkungen für die Tiere, ist aber lebens-wichtig für die Natur, denn aus den vergessenen Depots entwickeln sich neue Wälder.

 

So gehen Forstwissenschaftler davon aus, dass von den mehr als 10 Milliarden Bäumen, die in Nordamerika, Europa, Sibirien und im nordasiatischen Raum, also dem natürlichen Verbreitungsgebiet der verschiedenen Hörnchenarten, wachsen, knapp die Hälfte von den Nagern selbst „gepflanzt“ wurden (Quelle TV14, Ausgabe 5/09).

So scheint es doch mehr als paradox, einem Tier den Stempel des Schädlings aufzudrücken, dass als Teil eines funktionierenden Ökosystems nicht nur sehr viel länger den Lebensraum Wald nutzt als der Mensch, sondern diesen gar kontinuierlich im Zuge seiner Verhaltensbiologie aufforstet und somit den Anspruch der Nachhaltigkeit vollstens erfüllt.

 

Vielmehr sollte man sich häufiger vor Augen halten, was passiert, wenn der Mensch einen Lebensraum wirtschaftlich nutzt, besiedelt oder sonst wie in diesen eindringt. Denn kein Tier richtet so viel Schaden in der Natur an und zeigt so wenig Nachhaltigkeit wie der Mensch.

 

Den Ausdruck „Ratten der Bäume“ hört man heute glück-licherweise nur noch sehr selten und war uns als Verein zu- gegebenermaßen bis vor kurzem nicht bekannt. Dennoch haben wir uns gefragt, wie diese Behauptung wohl entstan- den sein könnte und festgestellt, dass sie aus Zeiten stammt, in denen in den Dörfern noch sehr viel mehr Bäume standen und Eichhörnchen so häufig vorkamen, dass sie teilweise tatsächlich als Plage empfunden wurden.

 

Heute hat sich das durchschnittliche Dorfbild massiv verän- dert und so ist mit den Bäumen auch das Eichhörnchen aus diesem verschwunden. Ähnlich erging es dem Spatz, der sich wie das Eichhörnchen als Kulturfolger vor langer Zeit dem Menschen angeschlossen hat. Auch er galt durch sein häufiges Auftreten vor allem in den 50er und 60er Jahren durch seine Vorliebe für  Körner als Schädling und Über- träger von Krankheiten.

 

Heute weiß man, dass er keine ernstzunehmende Rolle bei der Übertragung von Krank-heiten spielt und auch durch ihn vermeintlich ausgelöste Hungersnöte sind ausgeblieben. Mittlerweile steht der Haussperling aufgrund seiner Bestandsrückgänge auf der Vorwarnliste der gefährdeten Arten und wurde gar 2002 vom NABU zum Vogel des Jahres gewählt.

 

Wie wir am Beispiel Eichhörnchen und Spatz deutlich sehen, neigt der Mensch nur allzu gerne dazu, Tiere, von denen es vermeintlich zu viele gibt, zu verteufeln und mit Missgunst zu belegen. Beide Tierarten leisten heute Zeugnis für den stetigen Rückgang geeigneter Lebens-räume. Einst aus dem Dorfbild nicht wegzudenken, erfreuen sich heute gerade die älteren Generationen an den ehemals als Plage empfundenen Tieren.

 

Anscheinend muss leider eine Tierart erst von der Bildfläche verschwinden, damit der Mensch beginnt, sie zu schätzen bzw. sich mit ihrer Lebensweise auseinanderzusetzen und diese zu verstehen.

 

Bei vielen Tierarten auf der Welt kam diese Erkenntnis leider zu spät.